1973: Als migrantische Arbeiter Westdeutschlands Fabriken lahmlegten
1973 erlebte Westdeutschland eine Welle wilder Streiks, die die Arbeitsbeziehungen nachhaltig veränderten. Über 275.000 Beschäftigte – viele von ihnen Migrantinnen und Migranten – legten in mehr als 300 Betrieben die Arbeit nieder. Die Proteste begannen im Februar und erreichten im August ihren Höhepunkt, angetrieben von Forderungen nach fairen Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen.
Angeführt wurden die Streiks vor allem von migrantischen Arbeiterinnen und Arbeitern, die unter harten Arbeitsbedingungen und segregiertem Wohnraum litten. Frauen, insbesondere aus Griechenland und anderen Ländern, machten 1973 fast ein Drittel der ausländischen Belegschaften aus. Viele von ihnen erlebten eine doppelte Diskriminierung – als Migrantinnen und als Beschäftigte in männlich dominierten Branchen.
Die Arbeitsniederlegungen griffen schnell auf den Maschinenbau und die Automobilindustrie über. Bei Ford in Köln setzten sich migrantische Arbeiter zur Wehr – ein Schlüsselmoment in ihrem Kampf um Anerkennung innerhalb der deutschen Arbeiterklasse. Zwar wurden nicht alle Forderungen erfüllt, doch die Streiks stärkten ihre Position.
Im Werk Pierburg in Neuss ging die Polizei gewaltsam gegen Protestierende vor, dennoch erreichten die Beschäftigten die Abschaffung der niedrigsten Lohnstufe und Lohnerhöhungen. Ähnliche Forderungen stellten Arbeiter bei Mannesmann, wo sie die tiefen Lohnungleichheiten anprangerten. Die Unternehmensführungen reagierten oft mit Härte: Sie setzten Polizei, Werksschutz ein und verhängten sogar Betriebsstilllegungen, um den Widerstand zu brechen.
Die Unruhen waren Teil einer globalen Bewegung, die von den politischen Erfahrungen der Arbeiter in ihren Herkunftsländern geprägt war. Türkische und andere migrantische Arbeitskräfte spielten dabei eine zentrale Rolle, besonders in der Auto- und Metallindustrie. Ihre Aktionen zwangen die Unternehmen, sich mit lange ignorierten Missständen auseinanderzusetzen.
Die Streiks von 1973 hinterließen bleibende Spuren in der westdeutschen Arbeitswelt. Migrantische Beschäftigte gewannen an Sichtbarkeit und Einfluss und kämpften für bessere Behandlung und Bezahlung. Zwar wurden einige Forderungen durchgesetzt, doch die Konflikte offenbarten tiefe Gräben – und bereiteten den Boden für künftige Kämpfe.






